Die Zeit vergeht. In dem Moment scheint sie oft still zu stehen, aber nachträglich gesehen fragt man sich, in heftigen Zeiten, oft hinterher „Wie hab ich diese Zeit überstanden?“ Ja, das frage ich mich jetzt auch zeitweilen.
Die Antwort ist aber dann, wie so oft, relativ simpel: „Weil ich es wollte. Weil ich es musste.“ Und irgendwann ändert sich dieses Denken sicherlich in ein dankbares „Weil ich es durfte.“
Wobei, im Grunde genommen geht es hier ja nicht um mich. Aber ich nehme mir mal die Freiheit raus und thematisiere mich selber (der aufmerksame Leser weiß ja bereits das ich ein Egoist bin).
Ja, er war intensiv, der vergangene Monat. Für Manuela im wahrsten Sinne des Wortes, auf der Intensivstation. Für meinereiner von den Emotionen und den Ereignissen her.
Ganz am Anfang, beim Ereignis selbst, war ja noch alles irgendwie „eitel Wonne“. Du denkst nicht an etwas Schlimmes, wenn deine Gefährtin ins Krankenhaus kommt. Da war ihre allergische Reaktion auf einen Weichspüler, verbunden mit einem Ganzkörperausschlag, in dem Moment noch wesentlich schlimmer. Und auch da hab ich reagiert und sie sofort ins KH gebracht. Um sie nach einer Stunde wieder mit zu nehmen.
Aber diesmal war alles anders. Ich tippte auf eine Kreislaufschwäche. Und lag damit komplett falsch. Ja, die Rettung habe ich gerufen. Die dann über 2 Stunden brauchte, für einen Fußweg von etwa 45 Minuten … aber bringt es jetzt was, über das „wenn und aber“ nachzudenken? Nein. Es ändert für Manuela nichts.
Dann ging es Schlag auf Schlag. Für mich erstmal mit drei Tagen, die aus einer Mischung von Unverständnis, Wut, Traurigkeit und Selbstmitleid bestanden hatten. Weinkrämpfe wechselten sich ab mit geballten Fäusten. Perspektivlosigkeit matchte sich mit alternativloser, konstruierter Hoffnung.
Aber irgendwann während dieser Phase entstand ein Plan. Irgendeiner. Hauptsache etwas tun. Mitwirken. Helfen. Etwas in Gang bringen. Das war die Gründungsidee der Facebook-Seite „Energie für Manuela“.
Danach kamen die täglichen Stunden am Krankenbett. Immer wieder mein Highlight des Tages. Einfach nur neben Manuela sitzen. Sie ansehen. Vorlesen. Mit ihr sprechen. Da stand die Zeit still und die Umgebung war unwichtig.
Niemals. Kein einziges Mal verschwendete ich einen Gedanken daran, dass sie es nicht schaffen würde. Never. Diese Möglichkeit wollte ich meiner Realität nicht gestatten. Das stand vollkommen außer Frage. Sie wird es schaffen. Es ging nur darum: Wie?
Mein Vertrauen in die Ärzteschaft und Medizin war genauso ein Fels in der Brandung wie mein Glaube daran. Die Medizin, das Team im Universitätsklinikum Graz, hat sein Bestes gegeben. Zu jedem Zeitpunkt. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und demütig. Und auch für all die positive Energie, welche die Facebook-Poster mit ihren Kommentaren Manuela gesendet haben. Jeder Einzelne der an sie gedacht hat. Unendlich dankbar.
Und im Hintergrund waren immer die Grabenkämpfe. Rund um die Uhr. Die zu dem Zeitpunkt niemand der Außenstehenden mitbekommen hat. Mit ihrem Elternhaus. Mit ihrer Verwandtschaft. Mit ihren plötzlich auftauchenden „Freunden“ auf Whatsapp und so vielem anderen. Oft an Heuchelei nicht zu überbieten. Und eigentlich nicht eines Menschen würdig. Einfach nur schäbig.
Aber seltsamerweise habe ich auch aus diesen Dingen irgendwie Kraft bezogen. Weiter zu machen. Der Fels in der Brandung zu sein. Manuelas Mauer gegen Falschheit und Intrigen. Und ich habe, so denke ich, durchblicken lassen das ich zu jedem Schritt bereit bin, wenn es sein muss. Das war ich im Grunde genommen auch.
Besonders die Situation, dass ich als Lebensgefährte, nach österreichischem Recht, in der Hierarchie einer eventuellen Pflege von Manuela erst nach ihren Eltern komme, war für mich brandgefährlich. Gefährlich deswegen weil sie damit genau in die Hände der Personen gefallen wäre, die sie vor 5 Jahren aus dem Haus geschmissen hatten – bloß weil ihnen die Lebensgestaltung von Manuela nicht passte – und sich bis heute nicht bei ihr entschuldigt haben. Eigentlich wurden wir alle drei rausgeschmissen damals, aber das ist eine eigene Geschichte.
Ich hab so lange Druck gemacht und Tatsachen veröffentlicht, Rundschreiben an die gesamte Verwandtschaft gesendet, bis ich es schriftlich hatte, das ich als Bezugsperson anerkannt werde.
Hier bin ich dem KH-Personal sehr dankbar, das mein Passwort und der Schutz von Manuela zu jeder Zeit respektiert wurde. Ich hatte Angst, dass Manuela bei einem Besuch ihrer Eltern mit zu vielem an negativer geheuchelter Energie konfrontiert werden würde. Und bis heute ist ja nicht restlos geklärt, was Menschen, die im Koma liegen, tatsächlich mitbekommen.
Trotz dieser schäbigen Umstände habe ich trotzdem jeden Tag ihre Mutter angerufen und die aktuellen Neuigkeiten durchgegeben. Nein, nicht aus Eigennutz. Aus Anstand. Und damit die Lage nicht noch mehr eskaliert.
Heute, nachdem Manuela aus dem „gröbsten“ heraußen ist, möchte ich mir ihr kein Wort mehr wechseln. Auch nicht mir ihrem Vater. Und schon gar nicht mit ihrem Bruder. Im Gegenteil von allen drei erwarte ich eine Entschuldigung an Manuela und Gabriel. Schriftlich. Das würde der Anstand gebieten und die Menschlichkeit.
Ja auch von ihrer Cousine, die sogar „Frauenbeauftragte“ ihrer örtlichen Partei ist. Und die Manus Frauenrechte mit Händen und Füssen getreten hat. Indem sie einfach nur zugeschaut hat. Wohlwissend um die Umstände, sich in keiner Weise für die Rechte von Manuela – Frauenrechte – eingesetzt hat. Und auf meine Frage nach dem Warum bekam ich von ihr als Antwort: „Ich solle keine vergangenen Sachen aufwärmen …“ Ja, klar das sie es gerne unter den Teppich kehren will. Geht ja um ihre Karriere und Position in der Partei. Wobei das noch nicht die Spitze des Eisberges war. Diese hat sie mit der Aussage geliefert: „Da müssen sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und das Problem lösen“. Und das zu einem Zeitpunkt wo die Überlebenschancen von Manuela, die eine der Beteiligten ist, mehr im minus als im plus waren. Tiefer … geht es wohl kaum. Glaubt man. Unter dem Aspekt das Manuela absolut nichts dazu beigetragen hat, keinen Grund geliefert hat, für den Hausverweis, grenzt das schon an Willkür und Faschismus. Von Personen, die sich Toleranz an ihre Fahnen heften.
Die Partei habe ich übrigens auch kontaktiert und mit der Sachlage konfrontiert habe. Und was bekam ich von der Orts-SPÖ als Antwort? „Das wird intern geregelt.“ Nun, ihre Cousine ist nach wie vor Frauenbeauftragte und Manuela hat von dieser Antwort original gar nichts. Also ich möchte keine Frau in ihrer Ortschaft sein.
Auf eine spätere schriftliche Anfrage meinerseits, wie das nun geregelt wurde, bekam ich von der Partei keine Antwort mehr.
Und abseits dieser „Grabenkämpfe“ sind dann noch all die Nebengeräusche. Von den alltäglichen Sachen wie Rechnungen zahlen. Die alltäglichen Dinge zu bewerkstelligen, quasi das „Werkl“ irgendwie am Laufen zu halten.
Juniors Bedürfnisse und sein eigenes Verhältnis zur Mutter. Ja da gäbe es noch viel mehr zu berichten. Manuelas Mutter hat auch in der Vergangenheit nicht viele Gelegenheiten ausgelassen, um Gabriel seiner Mutter zu entfremden. Auch eine eigene, eigentlich sehr traurige Geschichte. Die sicher keinen unwesentlichen Anteil an den Geschehnissen hatte.
Von vielen Seiten wurde mir abgeraten und ich wurde zur Mäßigung aufgerufen. Das solle in „der Familie“ bleiben. Und ich möge die Konsequenzen beachten usw. Ja mitunter sogar versteckte Drohungen wie „Ich soll aufpassen was ich sage!“
Aber hallo? Es geht um Manuela. Die kämpft. Und nicht um irgendwelche eurer Eitelkeiten. Was interessiert mich die Karriere von diesem und jenen oder die Heucheleien von anderen? Never.
Unterm Strich war das Monat irgendwie ein Tanz auf dem Vulkan. Eine Gratwanderung. Gefährlich. Aber notwendig.
Ja es war ein intensives Monat. Eines das mir in vielem ein wenig die Augen geöffnet hat. Und irgendwie auch gut so, wie es passiert ist. Ich kenne nun einige Menschen besser. Ich weiß nun, wer es wirklich gut meint und bereit ist, etwas zu tun. Und auch wer einfach nur vorspielt, heuchelt und lügt, dass sich die Balken biegen.
Das Gute daran ist auch, dass Manuela irgendwann alles nachlesen kann und sich selber ein Urteil bilden darf. Meine Lebenserfahrung sagte mir, es ist ab einem bestimmten Moment besser, alles schriftlich zu machen. Damit nachher nichts verdreht werden kann.
Nun stehen neue Herausforderungen an. Für Manuela eine Neu-Orientierung im Leben. In der Welt. Ihren Platz zu finden. Dort wo sie sich wohl fühlt. Mit wem sie sich wohl fühlt.
Und das Ganze ist für mich natürlich auch eine Art Neu-Orientierung. Wo stehen wir als Gefährtin und Gefährte. Ist unsere Verbindung nach wie vor so stark, wie sie es war. Oder bin ich für Manuela im Moment eher der „Helfer“ am Weg ins neue Leben.
Auch für unseren Junior ist die Situation nicht leicht. Welche „neue“ Mama wird aus dem Krankenhaus zurückkehren?
Die Dinge beim Namen zu nennen gehört zu meinem Wesen und ich mache mir nichts vor. Manuela weiß, ob meiner „Antennen“, die ich als Schwerhöriger, ohne Hörgeräte, in meiner Jugend ausgeprägt habe. Ich achte auf die Zeichen. Spüre sowohl Dankbarkeit als auch die Angst. Und ich spüre Unsicherheit. Aber ich spüre auch Neugier. Und Trotz.
Ich spüre, dass du wieder zu leben beginnst. Und das ist schön. Ich spüre, wie deine Energien wieder kommen. Mit jedem Tag mehr. Aber ich spüre auch das Schwanken. Wohin soll ich gehen? Wer und was tut mir gut? Was möchte ich und was nicht?
Es ist nicht die Zeit Forderungen zu stellen. Und auch nicht die Zeit für Bedingungen. Es ist auch nicht die Zeit für Erwartungen. Es ist nicht meine Zeit. Es ist deine Zeit.
Es ist die Zeit, wieder zum Leben zu erwachen. Und die Zeit dich neu zu erfinden. Es ist die Zeit für dich zu entdecken, was das Leben alles so bietet. Und die Zeit dich zu entscheiden, wer in deinem Leben präsent sein soll.
Du bist niemandem verpflichtet. Und auch niemanden etwas schuldig. Es gibt keinen Anlass aus diesem Grund irgendetwas zu tun. Oder etwas vorzugeben.
Du darfst tun, was du willst. Leben wo du willst. Mit wem du willst. Und du darfst lieben, wenn du willst. Es ist deine Zeit.
Ich bin dein Gefährte, so lange du mich an deiner Seite haben willst. Und wenn es die Zeit oder du es verlangst, trete ich auch zurück und bin aber doch immer für dich da. In welcher Form auch immer.
Liebe kennt keine Bedingungen.
Es ist mir hundertmal lieber, wenn du jemanden von Herzen liebst und glücklich bist. Dann bin ich es auch. Es gibt kein „ich liebe dich wenn …“ Das wäre ein Handel. Aber es gibt einfach ein: „weil du es bist.“
Und wenn ich derjenige sein darf, nehme ich es dankbar an.
Weil du es bist.
Wir schaffen das. Auf welche Weise auch immer.
Kein Druck. Kein Stress. Kein Muss.
Alles kann, darf … wenn es sich gut anfühlt, ist es auch gut.
Am Ende ist alles gut. Ich liebe dich.
Günther Schranz, 1. Juli 2023


