Einfach ist es nicht gerade zur Zeit. Aber welche Zeit ist schon einfach … selbst das einfache, banale Rasenmähen ist manchmal eine richtige Herausforderung, wenn das Gras hoch und der Hang steil ist.
Aber das ist vermutlich ein blöder Vergleich. Zur Zeit.
Das ist das, was du gerade en masse zur Verfügung hast, meine Gefährtin. Zeit. Andererseits auch wieder nicht. Und dann kommt noch die Bedingung dazu. Das „Wenn“.
Du hast von meiner Seite alle Zeit der Welt, wenn du wieder aufwachst. Würde ich dir bedingungslos Zeit zugestehen, hieße das auch, dass du dein ganzes restliches Leben lang weiterhin schlafen könntest. Aber will ich das? Willst du das?
Dann wiederum frage ich mich, warum schläfst du eigentlich? Was war der Grund, wieso du dich für eine Auszeit entschieden hast. War es eine Situation, die dich überfordert hat? War es ein Ereignis? War es deine Arbeit? War es Junior? Oder ich? Oder wir beide? War es deine Verwandtschaft? War es alles zusammen? Oder warst es einfach nur du? Oder war es einfach an der Zeit?
Da ist sie schon wieder. Die Zeit.
Ja, ich suche und suche … den Großteil der Zeit verbringe ich aktuell damit, zu suchen. Nach dem Grund. Einfacher wär es das alles einfach so hinzunehmen, aber du kennst mich, mein Schatz. Das bin ich nicht. Für mich muss alles irgendwie einen Sinn ergeben. Ich will verstehen können.
Und oh ja. Ich habe auch schon etwas gefunden. Zumindest einen Sinn. Das sich gehörig etwas ändern muss. Oh ja. Viel mehr Zeit für dich. Und uns. Mit einer viel besseren Qualität. Viel weniger TV. Und mehr Kerzenlicht. Viel weniger Belangloses und viel mehr wichtige Gespräche. Viel weniger nebeneinander und mehr miteinander.
Das wichtigste dabei: Ich habs kapiert. Wir haben nicht alle Zeit der Welt. Unsere Zeit ist begrenzt. Und wie ich das grad verinnerliche! Irgendwie wird das alles so selbstverständlich betrachtet, was es ja keineswegs ist. Im Grunde weiß ich heute nicht, was morgen sein wird. Wieso dann nicht heute alles umsetzen was man schaffen kann? Anstatt zu warten. Wieso geb ich dir nicht einfach einen dicken Kuss, anstatt darauf zu achten, dich nicht zu wecken.
Wieso mach ich etwas nicht morgen fertig, das auch übermorgen oder nächste Woche fertig werden kann, und verbringe die Zeit stattdessen mir dir. Irgendwo auf einer Wiese. Im Gras. Und zählen Wolken dabei. Oder raten wie die Wolke da oben aussieht. Das haben wir beide noch nie gemacht …
Ja, auch davon gibt es vieles. Was wir noch nie gemacht haben. Weil wir keine Zeit hatten. Weil ich keine Zeit hatte. Das eine Webprojekt war wichtiger. Da war ein Termin und dort etwas zu tun. Die andere Wanderung wollte auch in der Freizeit absolviert werden. Die und jenes am Haus gehört gemacht. Ja sogar das Lesen der aktuellen Nachrichten war oft wichtiger. Man(n) will ja informiert sein.
So viel Zeit im Leben, die wir für eigentlich unwichtige Dinge einfach vorüber ziehen haben lassen. Die wichtigen Dinge erkennt man erst dann, wenn sie fehlen.
Und du fehlst mir. Unendlich.
Nimm dir die Zeit, die du jetzt brauchst. Aber danach lass uns noch Zeit haben. Für die wichtigen Dinge. Für die richtigen Dinge.
Bitte.
Lass mich dich nach ganz oben reihen auf meiner „ToDo-Liste“ und lass mich dir zeigen dürfen, was das bedeutet. Du hast ja keine Ahnung, was dir entgeht.
Und doch war es vielmehr ich derjenige, der keine Ahnung hatte, was mir entgeht. Jetzt weiß ich es. Die Zeit hat es mir gezeigt.
Schlaf gut. Und lass uns kämpfen. Nicht aufgeben.
Für unsere Zeit.
Ich liebe dich.
Günther Schranz, 6. Juni 2023
Dieser Text ist Teil des Tagebuch einer Gehirnblutung | Tag 9


