Der Silvester hat einen g’scheiten Knall

Günther
von Günther
16 Min

Endlich vorbei. Oder doch leider vorbei? Hängt vermutlich davon ab, wie man den Jahreswechsel verbracht hat. In meinem Fall war dieser gemütlich, ruhig und statt dem Rutsch war „Extrem-Couching“ angesagt. War aber auch gut. Wie der alternative Rutsch.

Aber geknallt hat es bei uns auch. Der Lärm hielt sich aber in Grenzen. Gerade mal um Mitternacht herum war verstärkte Akustik wahrzunehmen. Ansonsten war es, abgesehen von ein paar „Ausrutschern“ im Vorfeld, relativ ruhig in unserer Ortschaft. Gefühlt ruhiger als noch voriges Jahr. Unsere Katze fand es nicht einmal wert, sich irgendwo zu verkriechen. Da waren ihrerseits nur ein paar Momente des Staunens zu bemerken, ob der ungewöhnlichen Geräuschkulisse zur Geisterstunde.

Und das ist gut so.

Was waren das für Tage. Damals. In meiner Jugend. Ich erinnere mich noch sehr gut. Weihnachten war kaum vorüber und schon begannen die Planungen für den Jahreswechsel. Wie wollten wir den Silvester heuer verbringen? Wo war eine Party angesagt? Wer sorgte für das Feuerwerk? Und die alles überstrahlende Frage im pubertären Hirn des angehenden Mannes: Mit welcher Vertreterin des gegensätzlichen Geschlechts würde man heuer ins neue Jahr hinüber schmusen, ähm, rutschen?

Unterm Strich war, über die Jahre gerechnet, dann alles dabei. Von der Party zu Hause und bei Freunden bis zum Silvesterball und abfeiern in der Disco. Ebenso bunt wie die „Rutsch-Varianten“ waren auch die Feuerwerke. Von ein paar lauten Krachern, bis hin zum eigens inszenierten und choreographierten, explosiven Spektakel am Nachthimmel.

Und einer dieser Jahreswechsel ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Den möchte ich euch hier nun nicht vorenthalten. 

Über das genaue Jahr, in dem sich folgende Geschichte zugetragen hat, kann ich heute nur mehr spekulieren. Aber es muss Ende der neunziger Jahre, im vergangenen Jahrhundert, gewesen sein. Jedenfalls nach 1995 und noch vor dem Millennium.

Wir trafen uns damals regelmäßig bei einem Freund zum gemütlichen Beisammensein bei Tischfußball, Jam-Sessions und philosophieren über Gott und die Welt. Und selbiger Gastgeber wollte damals auch die Silvesterfeier ausrichten. Seine, aus den Philippinen stammende, Frau würde aufkochen, weitere multikulturelle Gäste dazu kommen und somit in illustrer Gesellschaft für Unterhaltung, Speis und Trank gesorgt sein. Wer, der diese ostasiatische Küche kennt, kann dazu nein sagen? Ich, als richtiger „Chinese-Food-Fan“ und Reis-Tiger jedenfalls nicht.

Aber mit leeren Händen dazu stoßen, war so gar nicht mein Stil. Die Umstände meiner beruflichen Tätigkeit liesen es zu, dass ich, über meinen damaligen Chef, Zugang hatte zu einem Feuerwerk der Extraklasse. Natürlich zu einem das man nicht einfach so im Laden kaufen konnte. Heute würde man „illegal“ dazu sagen. Aber vermutlich war es das damals auch schon. Also gerade richtig für meinen Beitrag zum Fest.

Also feilschte ich mit „Chefe“ bis wir uns einig waren, und lud am Vormittag des 31. Dezembers eine nicht unbeträchtliche Sammlung an großen und größeren Knallkörpern und Raketen in den Kofferraum meines Vehikels. Das würde ein richtig „geiles“ Feuerwerk werden.

Am Abend des selbigen Tages traf ich dann am zukünftigen Tatort ein. Ja, die Gesellschaft war tatsächlich bunt gemischt. Hier waren heute, exakt wie vom Gastgeber angekündigt, etliche Nationalitäten vertreten. Seine Frau hatte in derartigen Mengen gekocht, dass es einer ganzen Kompanie zur Sättigung gereicht hätte. Und es schmeckte vorzüglich. 

Im Garten war außerdem ein unkonventionelles Grill-Konstrukt aufgebaut, das aus einem Metall-Behältnis mit Gitter drüber bestand. Hier brutzelten am Rost Ripperl vor sich hin. Und darunter, in der Kohle, Folien-Kartoffeln. Über die Garten waren Lichterketten und Lampions gespannt und im Hintergrund lief Rockmusik der 70er und 80er Jahre. Die Stimmung war quasi perfekt.

Kurz vor Mitternacht, es muss so um 23:30 Uhr gewesen sein, unterbrach ich dann meine alkohol- und rauchgeschwängerten Flirtversuche bei meinem ausgewähltem „Opfer“ und machte mich daran das Feuerwerk auf der beruhigten Straße, draußen vor dem Haus, aufzubauen. Das Haus lag fast schon am Ortsrand und die wenigen Nachbarn schienen entweder nicht zu Hause zu sein, oder aber bereits in den Federn. Jedenfalls war nirgendwo Licht zu erblicken. Das konnte uns nur recht sein. Da ich nicht genau wusste, was da in Kürze gen Himmel starten würde, war es mir nur recht, ein wenig Abstand zwischen die Abschussrampen und der Partygesellschaft zu bringen. So viel Hirn hatte ich dann doch noch. 

Und dann war es so weit. Ein paar Minuten vor Mitternacht kamen die „Partypeople“ aus dem Haus heraus auf die Straße. Bewaffnet mit Sektflaschen, Gläsern und guter Laune. Nun war „mein Moment“ gekommen. Ein, nach außen gerichteter Lautsprecher, sorgte dafür das wir den „00:00 Moment“ ja nicht verpassten.

5, 4, 3, 2, 1 … der Countdown schallte von den Boxen herüber und ich zündete pünktlich um Mitternacht die erste Batterie. Eine Rakete nach der anderen stieg in den Nachthimmel und entfachte ein Spektakel der Extraklasse. Einfache, doppelte und mehrfache Explosionen erhellten die Nacht. Herrlich. Dann die nächste Batterie. Wieder mit anderen Effekten. Wir genossen alle das Schauspiel am Himmel und prosteten uns fröhlich mit Sekt zu: „Prosit Neujahr!“

Zu guter Letzt kam dann noch, ich weiß nicht mehr wie der genaue Name des Dings lautete, eine Art „Christbaum aus Licht“ zum Einsatz. Ein Konstrukt, das vom Boden aus einfach Funken sprühte. Auf bis zu 3, 4 Metern Höhe. Ein würdiger eleganter Abschluss, wie ich befand. Und auch den anderen Anwesenden gefiel es.

Nun, nachdem das Feuerwerk verschossen war, wollten wir wieder hinein gehen, weiter Party machen und den zweiten Teil der Nacht mit der feuchtfröhlichen Begrüßung des neuen Jahres verbringen. 

Bloß, wir standen vor verschlossener Türe. Dazu muss man wissen: Mein Freund wohnte in einer typischen mittelburgenländischen Gasse, wo jedes Haus an das Haus des Nachbarn gebaut war. Mit überdachter Einfahrt. Und abschließbarem Eingangstor. 

„Hast du den Schlüssel?“, hörte ich meinen Freund seine Angetraute fragen.
„Ich dachte du hast den mitgenommen?!“, kam als Antwort.

Beim Herausgehen war das Eingangstor zugefallen. Und das war eines dieser Dinger, die man gar nicht versperren musste. Innenliegend hatte es zwar eine normale Schnalle, aber nach außen nur einen fixen Knopf ohne Drehfunktion. Hier war ein Schlüssel vonnöten, wollte man ins Innere gelangen. Ansonsten: Pech gehabt.

Es bestand auch keine Möglichkeit, über den Garten ins Haus zu gelangen. Durch die „dicht an dicht“ gestaltete Bauweisen, lagen auch links, rechts und hinter dem Haus angrenzende, eingefriedete Grundstücke.

Nun standen wir alle hier heraußen auf der Straße. Neben uns rauchten noch die Abschussrampen des Feuerwerks. Über uns beschallte uns ein Lautsprecher mit Musik. Und drinnen, hinter dem Eingangstor, bellte der Hund meines Freundes. Der Einzige, der im Haus drinnen geblieben war.

Was nun?

Da hatte mein Freund eine Idee. Basierend auf dem Faktum das auf der Innenseite der Tür eine Schnalle war, die nur herunter gedrückt werden musste. Und „Tanja“, seine Hündin, ja drinnen war. Nun versuchte er diese, dazu zu bringen, mit ihren Vorderpfoten auf die Schnalle hinauf zu springen. Und rüttelte von außen ein wenig am Tor.

„Ja spring herauf. Ja!“, hörte man ihn in gleichem „Ja-Brings-Lockton“, als würde man den Hund mit Leckerlis das Apportieren beibringen wollen.

Drinnen hörte man Tanja freudig kläffen und herum laufen. Mal weg vom Tor, dann wieder zum Tor. Kurz verweilend. Abermals bellend. Um wieder eine Runde nach hinten und abermals nach vor zu drehen. Ja sogar den offensichtlich freudig wedelnden Schwanz hörte man von innen gegen die Türe schlagen.

„Ja spring!“

Aber Tanja sprang nicht. Wie denn auch?! Hatte mein Freund ihr doch jahrelang beigebracht, nicht auf die Schnalle zu springen. Damit der Hund im Haus, und die Tür zu bleibt. 

„Spriiiiing!“

Sie sprang natürlich nicht. Aber bellte weiter und drehte freudig ihre Runden.

Bei der nächsten Idee kam der Faktor eines „wilden Volkes“ ins Spiel. Waren doch unter den Gästen auch ein Pärchen, wo sie Thailänderin war und er Österreicher. Und wer ein wenig kundig in Geschichte ist, weiß das Thailand selbst nie kolonialisiert wurde. Das Volk also im Grunde „wild und urprünglich“ ist. Zumindest waren das die Argumente desjenigen Österreichers, weshalb sich er sich eine Frau aus Thailand angelacht hatte. 

Und das war sie tatsächlich. Wild. Oder man könnte auch einfach nur sportlich dazu sagen. Nun beobachteten wir alle, wie diese an der Wand neben dem Eingangstor hinauf kletterte. Wilde Weinranken halfen ihr hier ein wenig, waren aber eine trügerische Hilfe, da diese ja jederzeit brechen und reißen konnten. Aber mit ihrem Fliegengewicht schaffte sie es tatsächlich und war relativ schnell am Dach oben angekommen und auf der anderen, inneren Seite wieder am Boden angelangt.

Unter grossem Applaus von uns allen öffnete sie von innen die Tür und rettete den weiteren Abend. Nun strömten wir gemeinsam wieder ins Innere. Die Party konnte weiter gehen.

„Wo darf ich das Holz entsorgen?“, fragte ich meinen Freund.

Damit waren die Abschussrampen der Raketen gemeint, die ihren Dienst getan hatten und jetzt nur mehr, ohne Zweck, auf der Straße vor dem Haus herum standen.

„Schmeiß sie einfach ins Feuer!“, schlug mein Freund vor.

Ich hielt das nicht für eine sonderlich gute Idee. Die ausgebrannte Batterie einfach ins Feuer des Grills zu werfen. Wer kann schon sagen, ob in den Batterien tatsächlich alles gezündet hatte?!?

„Und was ist wenn noch etwas drinnen ist?“, entgegnete ich.
„Das merken wir dann eh!“, war seine lapidare, süffisante Antwort.
Brennen würden sie auf jeden Fall gut, ob der Mischung aus Holz und Karton.

Irgendwann war es mir dann auch egal. Und ich wischte meine Sorgen vom Tisch. Hey, es war Silvester. Und es war nicht mein Haus. Und schließlich hatte er den Vorschlag gemacht. Also brachte ich die vermeintlich leeren Batterien hinein und legte sie erstmal neben das Feuer. Wenn, dann wollte ich alle auf einmal rein schmeißen um danach gleich in Deckung gehen zu können. Im Falle des Falles.

Die letzte Batterie war herinnen. Ich schloss das Tor, begab mich in den Garten und begann damit alle halbwegs vorsichtig in das Feuer zu legen. Nun, es schein tatsächlich alles verbrannt zu sein. Die Glut begann zu rauchen und langsam entzündeten sich die Holzstücke. Und es lief alles glatt. Keine Explosionen oder Ähnliches.

Einer der Gäste hatte mein Tun mitbekommen. Und wandte sich nun erschrocken in meine Richtung.
„Das kannst du nicht machen! Was ist wenn da noch etwas drinnen …“, weiter kam er nicht mehr.

Ein Kracher und ein Zischen und schon schoss eine Fontäne aus Lichtblitzen durch den Garten. Gleich gefolgt von der Nächsten. Und der Nächsten.

Nun machte ich das, worauf ich mich bereits insgeheim vorbereitet hatte: In Deckung gehen. Und warnte gleichzeitig auch alle anderen Anwesenden.

„In Deckung!“, schrie ich in die Menge. Wohl nur mehr provisorisch. Weil die meisten hatten dies bereits getan.

Nun erlebten wir quasi das Feuerwerk zum zweiten Mal. Diesmal im Garten und jetzt auf Augenhöhe, statt am Himmel. In alle Richtungen schossen nun Lichtblitze, Fontänen, Raketen oder was auch immer, aus dem Feuer des Grills heraus. Die eine oder andere verirrte sich auch durch das offene Fenster ins Wohnzimmer. Eine Weitere blieb in der Hecke des wilden Weins hängen. Und rundherum glimmten da und dort kleine „Nester“ am Rasen.

Es wird vermutlich eine oder zwei Minuten gedauert haben. Dann war der „feindliche Angriff“ vorbei. Nur die Klänge des Lautsprechers waren zu hören. Ansonsten war alles still und nach wie vor „in Deckung“. Nach ein paar Sekunden trauten wir uns dann langsam aus unserer sicheren Position heraus und schielten zum Feuer. Es brannte. Es brannte sogar sehr gut. Aber es zischte nichts mehr.

Der Schock war nun auch rasch überwunden und schon machte sich wieder Lachen und gute Stimmung mit Scherzen breit. Das Partyvolk hatte den „Krieg“ überstanden. Mein Freund und ich machten noch einen Sicherheits-Rundgang und inspizierten noch eventuelle Brandherde. Aber alles war ok. Nichts glimmte mehr. Alles erloschen. Nun stimmten auch wir in das Gelächter mit ein. Quasi „gut ist’s gegangen. Nix is‘ g’scheh’n“.

Und gottlob hatte auch niemand der Anwesenden etwas abbekommen. Außer einem „g’scheiten Schreck“. Und auch Tanja, die Hündin, beruhigte sich wieder nach einigen Minuten. Der hatte dieses kurze „Dauerfeuer“ wohl am meisten zugesetzt. Aber am Ende war dann wieder alles gut.

Die restliche Nacht verlief ohne weitere gröbere Zwischenfälle und wir hatten Spaß bis in die frühen Morgenstunden. Aber Thema, war diese Nacht noch lange. Vom geschlossenen Tor und dem springenden Hund, über den weiblichen „Tarzan“ bis zum doppelten Feuerwerk.

Und wir waren dabei einer Meinung:
Der Silvester hat einen g’scheiten Knall. Oder zwei. Oder drei …

PS: Manchmal aber auch wir Menschen. Oder nur.

Günther Schranz, 1. Januar 2025

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Begeisterter Wanderer und Bademantel-Fanatiker mit Hang zur Selbstüberschätzung. Kocht ausserdem gerne, ist leidenschaftlicher Autofahrer und vergräbt sich auch mal stundenlang vor dem Bildschirm um sich danach im vollbrachten Werk zu sonnen.
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