Neuerdings findet man in den hiesigen Tageszeitungen Berichte über die steigende Kriminalität. Aber, nicht wie man vermutet unter den „üblichen Verdächtigen“, unter Erwachsenen. Und auch die Jugend ist damit nicht gemeint. Vielmehr geht es in diesen Jahren offensichtlich bereits im Kindesalter so richtig los. Und das, laut aktueller Statistik, in verdoppeltem Ausmaß, gegenüber den Zahlen vor zehn Jahren.
Aber woran liegt das nun? Brechen nun vermehrt die Dämme und verroht die Gesellschaft zusehends? Werden Gesetze mehr und mehr „wurscht“? Haben die Eltern ihre Sprösslinge nicht mehr im Griff? Vermutlich ist es von jedem ein bisschen, das Kinder dazu verleitet Verbotenes zu tun. Und genau das hat ja auch seinen speziellen Reiz. Vermutet man. Tatsächlich ist es aber auch so, dass Delikte, die mit Gewalt und Diebstahl zu tun haben, unter Kindern stark im Steigen sind.
Aus meinen sehr jungen Jahren weiss ich noch, das ich auch kein Engerl war. Da waren schon einige hinterfragungswürdige Dinge dabei. Als Kind am Land aufgewachsen, trieb ich halt dort auch mein Unwesen in Form von Scherzen und auch mal darüber hinaus. Meist in der Clique und ohne bösartige Absichten. Einfach aus Langeweile und/oder Neugierde. Und natürlich hat uns das auch Spaß bereitet. Oder Nervenkitzel. Oder Beides.
Da war dieses unbewohnte Wochenendhaus, das einer aus unserer „Bande“ entdeckte. Und das wir kurzerhand okkupierten. Das Grundstück war zwar eingezäunt aber das Haus nicht verschlossen. Dort haben wir allerlei Schabernack getrieben, aber ohne etwas zu zerstören. Meist haben wir uns einfach nur dort getroffen und einen neuen Plan für den Nachmittag ausgeheckt. Aber auch mal Karten gespielt drinnen. Das ging so lange gut, bis ein Nachbar auf uns aufmerksam wurde und die Freunde und Helfer kontaktierte. Die Fahrt im Polizeiauto nach Hause werde ich nie vergessen. Obwohl wir mit 7,8 Jahren nicht gerade gross gewachsen waren, machten wir uns im Auto noch extra kleiner damit von Aussen ja niemand sah, wer da drinnen saß. Ausser einer eindringlichen Ermahnung seitens der Polizisten und einer ziemlich deftigen Standpauke zu Hause, samt der damals gewohnten, obligatorischen Watsche, hatte unsere Handlung aber keine Folgen. Zumindest bei mir zu Hause. Wir hatten ja nichts kaputt gemacht oder gestohlen.
Ein anderes Mal erinnere ich mich, war die klassische „Mutprobe“ angesagt. Wer schafft es aus einem Geschäft etwas mitgehen zu lassen. In meinem Fall waren es zwei Packerl Kaugummi, verschiedenster Geschmacksrichtungen. Wir waren an diesem Tag zu zweit an der Reihe. Aber da ich, oder wir, für dieses spezielle Gewerbe offensichtlich zu dumm war, wurden wir natürlich erwischt und in einen Extra-Raum zitiert, wo uns der Geschäftsinhaber eine Standpauke hielt und uns mit der Polizei drohte. Natürlich versprachen wir hoch und heilig dieser Karriere abzuschwören und legten die entwendeten Sachen brav zurück. Zumindest ein Packerl, in meinem Fall. Das zweite konnte ich sogar bezahlen. Nach diesem Erlebnis hatte ich für das Erste genug und keine Lust mehr auf derartige Mutproben. Besser gesagt wir beide.
Derartige Handlungen stellten dann aber schon das obere Ende unserer Taten auf der Strafbarkeitsskala dar. Und wir kamen glimpflich davon. Und soweit ich weiss, waren wir auch nicht die einzigen, die damals so waren. Unterm Strich war dies für uns eben der Reiz des Verbotenen. Das Austesten der Grenzen und die Überschreitung dieser. Mit den dementsprechenden Konsequenzen. Wie gesagt: Engerl waren wir keine.
Allerdings hat sich das dann mit der Zeit wieder gelegt. Und es war ja auch aus Ausnahmen und nicht die Regel. Aber was ist nun von der aktuellen Statistik zu halten? Wenn Kinder mit 10, 11, 12 Jahren schon teils an die 100 Anzeigen (so die Statistik) vorliegen haben? Von Schlägerei bis zu Diebstahl und Raubüberfall? Oder gar Cyberterrorismus? Oft auch in Zusammenhang mit Bandenkriminalität. Das ist dann schon eine ganz andere Liga, finde ich. Und hat nichts mehr mit dem Reiz des Verbotenen zu tun. Hier wird von den jungen Menschen eine bewusst kriminelle, organisierte Handlung gesetzt. Oft im Verbund mit Gewalt.
Was bei mir die Frage aufwirft: Warum? Handelt es sich um Kinder aus armen Familien, die dieses irgendwie zum Lebensunterhalt tun? Hier ist die Antwort (fas) immer: Nein. Eine Notwendigkeit besteht nicht. Entweder verdienen die Eltern gut oder der Staat schüttet genügend an Sozialleistung aus, sodas diese Unternehmungen nicht nötig wären. Was kann es dann noch sein? Ist es eine Art Kompensation? Eine Ersatzhandlung für die fehlende Aufmerksamkeit innerhalb der Familie? Ich denke, da könnte etwas dran sein. Die Bande als quasi „Zweitfamilie“ bei der man auf Gedeih und Verderb dabei ist. Mitgehangen, mitgefangen. Und welch seltsame Blüten die Eigendynamik solcher „verschworener“ Gemeinschaften treibt, ist bekannt. Da dürfte schon ein einziger, gewaltbereiter und vermutlich skrupelloser Rädelsführer reichen, dem die anderen einfach nacheifern. Was jetzt keine Entschuldigung der Taten an sich ist, aber eine Art Erklärung sein könnte. Wenn die Eltern beide arbeitstätig sind und das Kind viel Zeit alleine verbringt hat es auch viel Zeit für abstruse Ideen. Und in der Kindheit und Jugend, ist es von der Idee zur Umsetzung oft auch nur ein ganz kleiner Schritt, ohne über Konsequenzen nachzudenken.
Aber was unterscheidet die heutige Zeit, die heutigen Lebensumstände, von der Vergangenheit? Hier kann ich nur vom Landleben sprechen und von meinen speziellen Erfahrungen aus den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wir hatten damals auf jeden Fall nicht die Flut an Informationen, mit der Kinder heute klar kommen müssen. Und schon gar nicht diese Art von „Life-to-Life“ Information. Es gab viele Songs im Radio und ab und zu Shows im Fernsehen. Aber Social-Media? Chats? Games & Apps? Nö. Und das diese Überflutung des kindlichen Hirns keine Auswirkungen hat, kann ich mir nicht nur nicht vorstellen. Die Auswirkungen sind auch in vielen Studien belegt. Der permanente, intensive Konsum von digitalen Medien wirkt auf das Gehirn wie Kokain. Das ist die eine Seite. Was in den Informationen vermittelt wird, die andere. Hier werden künstliche Ideale erschaffen und Idole angehimmelt, die mit dem echten Leben so ganz und gar nichts zu tun haben. Und Kinder sind ja bekanntlich in erster Linie Nachahmungstäter.
Von mir kann ich sagen, das ich diese mediale Welt damals als das wahrgenommen haben was sie ist: Fernsehen. Und das andere, mein Leben, war (und ist) real. Das eine war ein Kunstprodukt im Bildschirm ohne Folgen. Das echte Leben aber, war mit Konsequenzen verbunden. Wobei ich aber auch dazu sagen muss, das Fernsehen per se, bei mir auch erst ab etwa 12, 13 Jahren vakant wurde, als ich einen TV in meinem Zimmer stehen hatte. Davor ging dieser Kelch an mir vorüber …
Und in unserer Freizeit spielten digitale Medien keine Rolle. Es wurde maximal hie und da mal ins Kino gegangen. Und auch ansonsten war ab und zu mal Gesprächsthema der Film von gestern. Aber sonst? Gab es genug im richtigen Leben das uns Spaß machte. Fussballspielen, Radeltouren, Schwimmbad und Zelten im Sommer, Schneeballschlacht und Schlittenfahren im Winter. Und, und, und. In weiterer Folge, in der fortschreitenden Jugend dann Diskothek am Wochenende. Moped fahren. Und das wichtigste Erlebnis des jungen Mannes: Das weibliche Geschlecht kennen und lieben lernen. Dazu hat es auch etliche, zeitintensive Anläufe gebraucht. Also langweilig wurde uns nicht.
Und was ist in einer sehr, sehr kurzen Zeitspanne daraus geworden? Quasi binnen nur einer Generation hat sich dies alles verändert. Das ganze Gesellschaftsbild hat sich auf den kopf gestellt. Aus der klassischen Rollenverteilung vom erwerbstätigen Mann und der Hausfrau ist ein berufstätiges Pärchen geworden. Aus der Freundschaftspartie aus dem Ort oder dem Grätzel sind viele Einzelgänger geworden, die stundenlang am Handy und Computer sitzen. Aus dem Umgebung wo „jeder jeden“ kennt ist eine anonymisierte, multikulturelle Gesellschaft geworden. Und aus dem natürlichen, zwischengeschlechtlichen Kennenlernprozess ein digitaler, emotionsreduzierter Sexualtrieb.
Kinder, die in diese Zeit hinein geboren wurden und werden, haben es alles andere als leicht. Die Eltern oft beruflich und privat überfordert. Die Kinder meist intelligenter, was den Umgang mit digitalen Medien betrifft. Die entstehenden Freundschaften, die oft als verbindendes Glied einen gemeinsam angehimmelten Influencer, oder ähnlichen digitalen Content, haben. Die nicht mehr festzustellende Grenze zwischen virtuell und real. Quasi eine als frei und gesetzlos wahrgenommene Grauzone, in der alles erlaubt scheint. Und das Ziel vor Augen: Mindestens so anerkannt und berühmt zu sein wie es die lachenden Gesichter von Facebook und Tiktok vermitteln. Mit mindestens genau so vielen Likes. Dazu ist jedes Mittel recht.
Wie soll ein kindliches Gehirn das unterscheiden können? Kann es nicht. Auch hierzu gibt es genügend Studien, ab wann ein Kind zu differenzieren beginnt zwischen Fantasie und Realität. Nimmt man hier das zehnte Lebensjahr plusminus 1-2 Jahre her, liegt man hier ziemlich richtig. Und oft ist der „Zug“ dann bereits abgefahren. Das Kind bereits in der virtuellen Welt gefangen mit all den guten und schlechten Auswirkungen. Hier dauert es dann oft Jahre bis es wieder den Weg zurück findet. Oder einen dauerhaftes Defizit davon trägt.
So gesehen kann man die Kinder nur bedingt für ihre Handlungen in diesem Alter verantwortlich machen. Vielmehr sind es wir Erwachsenen, die dafür verantwortlich sind, dem Kind zur Seite zu stehen. Es auf seinem Weg zu beobachten, einzugreifen wenn es notwendig ist, viele Gespräche zu führen und dies oder das verständlich zu erklären. Die Zusammenhänge sichtbar machen zwischen Handlung und Konsequenz. Auch die Zukunft zu beleuchten, wohin der eingeschlagene Weg führen kann. Und ob dies dem Kind auch bewusst bzw. vom Kind auch so gewollt ist?! Auch der Gesetzgeber ist gefordert. Auf die Erkenntnisse Wissenschaft zu reagieren und den Auswirkungen des frühzeitigen Konsums digitaler Medien vorzubeugen. Wozu haben wir ein „Jugendschutzgesetz“ das seinem Namen nicht mehr gerecht wird. Und braucht es dazu noch ein „Kinderschutzgesetz“? So wie es aussieht: Ja!
Zu guter Letzt kommt aber bei der Kriminalitätsstatistik auch immer wieder die Frage: Und wieviele davon sind Kinder von Inländern? Zugegeben, hier kenne ich die zahl nicht. Und meines Wissens ist hier auch nichts detailliertes veröffentlicht worden. Was ich aber sagen kann: Es ist nicht wichtig. Kinder sind nun mal Kinder. Das Gehirn von österreichischen Kindern unterscheidet sich nicht pauschal von ausländischen. Im Einzelfall aber sehr wohl. Sowohl in- als auch ausländisch. Und genauso individuell sind auch die Beweggründe und die Motivation zu den Straftaten. Genauso individuell ist auch das familiäre Umfeld.
Erstaunlicherweise hat sich aber gerade eines in den letzten 50 Jahren nicht geändert. Die Abneigung gegen Andersdenkende. Gegen Andersartige. Dies scheint in unserer Gesellschaft tief verwurzelt zu sein. War es vor 50 Jahren noch der „zugezogene“ über den man nichts wusste. Oder der eine im Ort, der so ganz anders lebte als der Rest. Entweder hat er zu viel getrunken. oder er war schlecht angezogen. Oder hat zu wenig (oder zu viel) geredet. Oder, oder, oder. Es war und ist immer dasselbe: Kognitive Dissonanz. Das eigene Unverständnis gegenüber einem anderen Weltbild, das man selbst so gar nicht verstehen kann. Und heute entlädt sich dieses Unverständnis eben gegenüber Ausländern. Warum? Weil der Mensch mitunter auch ein bequemes Gewohnheitstier ist und dies der einfachste Weg ist. Mitunter passiert das dann in weiterer Folge auch in gruppendynamischem Verhalten. Und da wiederum in erster Linie über das Internet. So gesehen tut auch vielen Erwachsenen das Internet nicht gut. Wäre es nicht viel schönes sich um die Menschen der Umgebung zu kümmern, sich wechselseitig zu verstehen, anstatt im Web Hasstiraden zu reiten, für einen kleinen Moment der gefühlten, persönlichen „Macht“. „Jetzt wer zu sein, weil man es ihnen einmal gesagt hat!?“
Ich glaube wir alle sind wer. Von Geburt an. Einzigartig. Und wir können wachsen. Mit jedem Gedanken. Mit jeder Tat. Wir können uns umeinander kümmern. Uns helfen. Und gegenseitig voran bringen. Aber auf uns selber dabei auch nicht vergessen. Unserer Umgebung kann es nur gut gehen, wenn es auch uns gut geht. Ich glaube wenn wir unseren Kindern diese Werte vorleben und weiterhin vermitteln können wir dabei nicht so vieles falsch machen. Ja ich glaube sogar daran das Kulturen miteinander in Frieden leben können, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Welche Chance hat ein Hassprediger, wenn es dem Einzelnen gut geht und alle miteinander klar kommen? Wie erleben das die Kinder und welchen Weg werden sie wählen?
Von den Kindern zu verlangen, dass sie sich ändern sollen, aber wir selbst nichts dazu beitragen müssen, ist auf eine Änderung zu hoffen, aber das Gleiche wie bisher zu tun. Im Grunde reinster Wahnsinn.
Das dies nicht von einem Tag auf den anderen geht, ist klar. Aber wenn wir nie damit anfangen, müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Dann wird genau diese, sagen wir mal – zur Thematik passend – „Generation Crime“ über unser Wohlbefinden entscheiden, wenn wir selbst alt sind. Schöne Aussichten?!?
Günther Schranz, 18. Dezember 2024


