Wir haben auf Weihnachten vergessen

Günther
von Günther
6 Min

Heute, am 26. Dezember, haben wir es wieder mal geschafft. Die ganze Weihnachtszeit ohne Adventmarkt, ohne Weihnachtsbeleuchtung, ohne Weihnachtslieder und ohne Geschenke. Das war nicht immer so. Auch bei uns gab es diese ambivalente Zeit der Realitätsverweigerung, in der wir die Wirtschaft mit Konsumorgien hochleben haben lassen und uns selbst und anderen ins Gesicht gelogen haben. Allerdings wurde das Volumen der Festivitäten mit den Jahren immer schwächer und Weihnachten immer unwichtiger. 

Unser letztes gängiges Weihnachtsfest war 2016. Da haben wir uns, im kleinen Kreis, zumindest noch mit Selbstgebasteltem beschenkt. Und Manuela bastelte einen Baum für die Wand im Vorraum. Aus Stoffresten und sehr kreativ. Hat cool ausgesehen und keiner Tanne das Leben gekostet.

Im darauf folgenden Jahr wurde Weihnachten quasi erstmals richtig vernachlässigt. Aber 2018 gab es noch ein Aufflammen in Form eines geschmückten Baumes. Das war aber dann das endgültig Letzte, halbwegs klassische, Weihnachten. Geschenke waren da schon weitgehend obsolet. Weihnachtsmärkte sowieso. Da wir ja beide keinen Alkohol trinken und wir sonst genug zu tun hatten, mit Haus herrichten samt Nebengeräuschen, haben wir auch darauf verzichtet.

Und heuer war es nun das erste Weihnachten für uns, dass ohne all diesem Schnickschnack ausgekommen ist. Kein einziges Weihnachtslied lief während des gesamten Advents im Radio. Die visuellen Orgien an Weihnachtsbeleuchtungen wurden von uns stillschweigend und unbeeindruckt zur Kenntnis genommen. Und der letzte Einkauf für die Feiertage, fand bereits am Freitag davor statt. Mitunter auch um uns diese oftmals geheuchelten, frohen Weihnachtswünsche allerseits zu ersparen.

Jedoch, eines gleich vorweg. Auch wenn es von meiner Wortwahl her ein wenig abwertend klingen mag, aber dem ist nicht so. Wenn jemand das Fest mit allem drum und dran begehen möchte: „Why not?!“ Ist ja auch etwas Schönes, wenn man sich damit identifizieren kann und es genießt. Umgekehrt wünsche ich mir aber auch, dass jene die eine andere Meinung darüber haben auch respektiert werden. 

Unser Zugang zu diesem „Weihnachts-Boykott“ (oder soll ich es „Grincherie“ nennen?), ist ein Einfacher. Wir schenken gerne, wenn es uns danach ist, von Herzen. Und wir feiern auch gerne, wenn es uns danach ist, mit Freude. Dabei kann es auch einmal passieren das wir im August Weihnachtslieder hören und im tiefsten Winter die Sommerhits vom letzten Jahrzehnt. Ebenso: „Why not?!“ 

Was, oder wem, wir damit quasi aus dem Weg gehen möchten: Wir möchten nicht für ein paar Tage im Jahr in den kollektiven Wahn miteinstimmen und weder irgendwelche Geschenke kaufen, die nach Weihnachten wieder umgetauscht werden, noch Bäume dafür fällen und mit diversen Glitzerzeugs und Naschereien behängen, nur um die tote Pflanze zwei Wochen später zum Sammelplatz zu bringen. Wir selbst dabei dann natürlich, nach dem kulinarischen Exzessen, selbst auch um 2,3 Kilo schwerer als vor der Adventzeit. 

Nein, das möchten wir nicht. Wir möchten Menschen besuchen, oder dass sie uns besuchen, einfach so. Weil sie es gerne tun und weil gerade Zeit dazu ist. Wir möchten zusammen sitzen und uns gut unterhalten fernab von einem vorgefertigten Szenario, das erfüllt werden muss. Wir möchten uns die gegenseitigen Peinlichkeiten ersparen, wenn jeder das erhaltene Geschenk bewertet und seine Freude in hollywoodreifer Manier spielt, weil es sich ja so gehört.

Wir mögen Herzlichkeit, Innigkeit, Ehrlichkeit. Und ein authentisches „Schön, dass du da bist!“, ist uns allemal lieber als diese Standardfloskel „Frohe Weihnachten!“, nur weil es sich „gehört“.

Heute hat uns Junior mit seiner Freundin besucht. Und kein Wort wurde dabei groß über Weihnachten verloren. Auch keine Geschenke wechselten den Besitzer. Wohl aber viele Worte und gemütliches Beisammensein. So das aus den geplanten zwei Stunden über vier wurden und die beiden dann doch noch Stress hatten, um rechtzeitig zum Filmstart beim geplanten Kino-Besuch zu sein.

Es wurde über das Leben und die Liebe diskutiert. Belangloses. Unverfängliches. Kurzweiliges. Und Tiefgründiges. Die ganze Palette an „Unterhaltung wie sie sein soll“. Kein schlechtes Wort über Dritte, die nicht anwesend waren. Keine leeren Versprechen, die nur wieder gebrochen werden. Und dieses ganze Szenario in der Alltagskluft ohne „Rentier“-Pullover oder Ähnlichem. Einfach „Come as you are“.

Es war kein Stress. Keine großen Vorbereitungen. Kein Druck. Und keine Erwartungen. Gekocht hätten wir ja sowieso und die paar Schnitzerl mehr haben unser Zeitkontingent auch nicht weiter schlimm belastet. Es war Weihnachten, so wie wir es mögen. 

Wir finden, es braucht keine Geschenke. Es braucht keine übervolle, opulente Tischbedeckung und/oder dekadente Völlerei. Keine besonders gerade gewachsenen Nordmanntannen oder spektakuläre Beleuchtung, um andere zu beeindrucken.

Es braucht Herzlichkeit. Liebe. Und ein Besinnen auf das Wesentliche. In einer Gesellschaft, die vor lauter Luxus und Wohlstand, oftmals bereits vergessen hat, wie es ist einfach „nur zu sein“.

Aber: Das mag jeder anders handhaben. Und so wie er, sie, es dies möchte, ist es auch gut. Von daher hoffen wir, dass ihr auch euer Weihnachten hattet, wie ihr es euch vorstellt. 

Ich denke, wenn es ihn tatsächlich gegeben hat, den jungen Mann vor gut 2.000 Jahren. Er hätte es genauso gesehen.

In diesem Sinne: Alles liebe und frohe Weihnachten zu euch.

Günther Schranz, 26. Dezember 2024

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Begeisterter Wanderer und Bademantel-Fanatiker mit Hang zur Selbstüberschätzung. Kocht ausserdem gerne, ist leidenschaftlicher Autofahrer und vergräbt sich auch mal stundenlang vor dem Bildschirm um sich danach im vollbrachten Werk zu sonnen.
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