Ich bin ein Egoist.
Und zwar einer von der ganz überzeugten, hoffnungslosen Sorte.
Das mag jetzt zwar, nach Außen hin, nicht ganz so scheinen, aber – oh doch – das bin ich. Und wie! Du weißt das auch, mein Schatz.
Gestern wollte die Krankenschwester deine Hand eincremen, mit der Lotion, die ich mitgenommen hatte. Nix da. „Das mache ich“, waren meine Worte. Weil ich ein Egoist bin.
Es hat mir so sondergleichen gut getan, deine Hand zu streicheln. Zu massieren. Deine Konturen nachzufahren. Dich zu spüren.
Sag ja – ein Egoist. Du hast oft genug gesagt, ich würde besser als du kochen. Na ja, so ganz stimmt das nicht. Dein Putenfleisch mit Reis und Salat – das schaff ich nie, so wie du. „That’s your part“.
Aber wenn ich koche, dann aus purem Egoismus. Ich liebe es einfach, zu sehen, wie es dir, wie es euch schmeckt. Und wenn ihr dann eine zweite Portion auf den Teller häuft … wächst meine Ego gleich wieder um weitere 10cm.
Und ich weiß, du magst Überraschungen. Aber du weißt auch, ich halte nichts von diesen vorgeschriebenen Festen wie Weihnachten, Ostern und Co. Ich bin eher der ad hoc Schenker. Nach Lust und Laune und wenns mir danach ist. Wieder – weil ich so ein Egoist bin. Weil ich es brauche, dieses spezielle Leuchten in den Augen zu sehen. Dieses Strahlen. Eigentlich unbezahlbar. Aber manchmal reicht ein einfaches Giotto dazu … eigenartig. Und doch wunderschön.
Oh und ich kann flirten. Und wie ich das liebe. Ich bin ja schließlich ein Egoist. Es gibt mir ein tolles Gefühl andere Menschen lachen zu sehen oder ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Und das Gefühl begehrt und wichtig zu sein. Weil ich ein Egoist bin.
Und du? Du lässt mich einfach so sein. Und wenn ich es mal übertreibe, spielst du mir diese süße Eifersucht vor … aber im Grunde genommen kennst du mich da anscheinend besser als ich selbst. Du weißt, dass ich weiß, wo unser Bett schläft.
Aber am liebsten mag ich es, wenn wir beide Flirten. Weil niemand anders mir das Gefühl derart gibt, wichtig und begehrt zu sein. Das bringt mir was, das gibt mir was und das hat auch durchaus positive Auswirkungen … nach dem Flirt, mit reibungslosem (eher reibungsvollem) Übergang …
Und du erinnerst dich? An unsere „heftigen Zeiten“ … als manchmal die Gegenstände an meinem Kopf vorbei gesaust sind? Oh ich liebe das. Weil ich ein Egoist bin. Das Letzte aus dir raus zu kitzeln. Weil ich will, dass du echt bist zu mir. Ungeschönt. Roh. Du selbst. Die hellen und ganz besonders die dunklen Seiten will ich haben. Ach ich sags dir, Egoismus ist etwas Herrliches.
Aber ich stelle mich auch gerne vor dich, oder hinter dich, wo du mich grad gerne haben möchtest. Dich zu unterstützen gibt mir das Gefühl gebraucht zu werden. Etwas für dich zu tun. Weil ich ein Egoist bin. Und da gab es genug Anlass dazu. Und ich mach es nach wie vor gerne. Es ist zu schön, um es nicht zu tun.
Ja sogar diese Facebook-Seite und eine Webseite hab ich gemacht, weil ich ein Egoist bin. Ich will, dass du alle Energie kriegen kannst, die möglich ist. Weil das für mich wichtig ist. Das ist wertvoll. Das gibt mir auch das Gefühl etwas für dich tun zu können. Um dir nur ein klein wenig von dem zurückzugeben, was du gegeben hast. In einer Zeit wo du es brauchst. Weil ich mich damit verdammt noch mal besser fühle. Besser als das rumsitzen und nichts tun und warten.
Weil ich dich liebe und dich brauche. Weil das Ego in mir unaufhörlich nach dir schreit. Und ich dieses Gekreische nicht mehr hören mag. Weil ich ein Egoist bin.
Und – es muss so sein – ich will dieses Gefühl, diese Momente, diese Augenblicke, diese Höhen und Tiefen, diese herrlichen Weiten und diese düsteren Höhlen nicht missen. Und selbst wenn wir dieser Welt irgendwann, in vielen Jahren, Lebewohl sagen, werde ich an deiner Seite sein.
Warum? Weil ich ein Egoist bin!
Dein Egoist! Und dein Gefährte.
Günther Schranz, 17. Juni 2023
Dieser Text ist Teil des Tagebuch einer Gehirnblutung | Tag 20


