Zugegeben, die „stille“ Zeit im Jahr ist ja zeitlich begrenzt und damit vorübergehend. Aber dennoch irgendwie ein lästiges Übel. Zumindest für mich. Warum? Weil auch zu keiner anderen Zeit im Jahr mehr geflunkert und gelogen wird als in diesen Wochen. Und als ob es noch eine Bestätigung der (verbalen) Maskerade bräuchte. Weihnachten liegt ja auch mitten in der Faschingszeit. Beginnt diese doch am 11.11. (um 11:11) und endet erst im darauf folgenden Jahr am Aschermittwoch. Von daher also durchaus dem Thema der Zeit entsprechend.
Vom ursprünglichen Sinn des Festes ist heute, speziell bei der mittelaltrigen und jungen Bevölkerung, wenig bis gar nichts übrig. Der kollektive Weihnachtsrausch beginnt bereits Ende September, wenn die ersten Weihnachtsartikeln in den Supermärkten auftauchen. Ab diesem Zeitpunkt steigert sich der Umsatzwahn der Wirtschaft sukzessive bis in die Adventszeit hinein um vor und nach den Weihnachtstagen in einer finanziellen Ekstase zu enden. Man darf ja den, mittlerweile von vielen Geschäften beworbenen, grossen Umtauschtag nach dem Fest nicht vergessen, an dem unliebsame Geschenke und wohlfeilend Gefallendes umgetauscht wird. Der Weihnachtsmann kann ja auch mal irren.
Aber bis dorthin ist es ein weiter, qualvoller Weg. Ab November kommt zum vermehrten Weihnachtssortiment in den Supermärkten noch die passende Beschallung dazu. Und auch wenn man nur den ganz normalen Einkauf erledigt kann man dieser nicht entfliehen. „Last Christmas“ bis zum Abwinken. Und oft wünscht man sich dabei, dass das Lied doch bitte wahr werden würde und sinngemäß tatsächlich das „letzte Weihnachten“ vor der Tür steht. Oder alternativ sich endlich ein Liedermacher dazu aufrafft diesem Werk mit einem neuen, erfrischenden Song Paroli bietet.
Und wer glaubt, dass damit alles erledigt ist, hat die Rechnung ohne die heimeligen Lichterketten-Freaks gemacht. Diese feiern alljährlich, so ab Mitte bis Ende November, fröhliche Urständ‘ und bereichern unsere Augen mit vielerlei Lichtspielen in allen möglichen Farben. Oft wird dabei als Messlatte scheinbar das Tageslicht genommen: Wenn die Beleuchtung nicht heller als die Sonne ist, muss noch etwas dazu gekauft werden. Das der auserkorene Lichterglanz möglichst dem gesamten Farben der Spektralfarben entsprechen muss, scheint obligat zu sein. Was hier auch zu beobachten ist, sind die wundersamen neuen Figuren, die so gar nichts mehr mit Weihnachten in irgendeiner Form zu tun haben. Mitunter grüssen auch Aliens in rosa und stahlblau aus dem Vorgarten.
Doch bevor die exzessive Zeit nun de facto beginnen darf, mussten noch schnell Tage für noch mehr Umsatz eingebunden werden. Mit „Black-Friday“ und „Cyber-Monday“, positioniert am Ende des Novembers, wurde diesem fehlenden Umstand Genüge getan. Hier freuen sich oftmals Banken über die Sollzinsen überzogener Konten, wenn blöderweise am Tag des „perfekten“ Angebots das Konto, ob des Monatsendes, ein wenig leer ist. Zu Weihnachten werden alle beschenkt.
Womit ich, in der zeitlichen Abfolge, auch schon mitten in der Adventszeit angekommen wäre. Nun wird das kollektive Besäufnis eingeläutet. Möglichkeiten hierzu gibt es viele. Von der betrieblichen Weihnachtsfeier, bei denen es auch immer wieder zu ungeplanten Kopulations-Akten kommen kann, bis hin zu den unzähligen Adventsmärkten. Zumindest in Neusprech. Denn eigentlich haben die ja einmal den Namen Christkindlmarkt getragen. Gemeinsamkeiten findet man aber hier wie da. Während es sich bei den innerbetrieblichen Feierlichkeiten meist um „Teambuilding“ (in welcher Form, Art und Weise auch immer) handelt, besticht das Outdoor-Pedant durch mannigfaltige Möglichkeiten sein, selbst schwer verdientes, Geld los zu werden. Aber am besten legt man es natürlich in Punsch an. Wo sonst bekommt man 5% (Alkohol) und mehr. Gekotzt werden darf abseits, um neuen Platz zu schaffen für neues Investment. Zum Wohle der Wirtschaft.
Was in der besinnlichen Zeit natürlich auch nicht fehlen darf, sind die Möglichkeiten Dampf abzulassen. Am 5. Dezember bietet sich hierzu perfekte Gelegenheit. Der gewaltbereite Konsument darf sich an diesem Tag vollkommen legal und hinter der Anonymität einer Maske versteckt seinen Trieben hingeben. Ja als Krampus ist man ja quasi zum Austeilen von Schlägen mit der Rute verpflichtet. Und selbst wenn diese, vom Gesetz her, jetzt nicht ganz so dramatisch ausfallen dürfen, wie es der Sadist gerne hätte, so ist das „So-tun-als-ob“ ja durchaus in Mode und befriedigt auch ein wenig. In Zeiten, wo das Scheingehabe in Social-Media-Kanälen vorgelebt wird, durchaus en vogue. Und ausserdem kommt ja am nächsten Tag sowieso der Nikolaus und macht’s wieder gut.
Die nächste Gelegenheit um in einen Kaufrausch zu verfallen hat man gleich ein paar Tage später. Der 10. Dezember, der ja mittlerweile auch vom Handel okkupiert wurde, führt den kirchlichen Feiertag ad absurdum und zeigt wie herrlich es sich, zwischen 100.000 Möglichkeiten sein Geld los zu werden, shoppen lässt. Die Meute, die an diesem Tag durch die Geschäfte streift, zeigt dem einsamen Einkaufssüchtigen auch: Du bist nicht allein. In der grossen, familiär anmutenden Gemeinschaft, geht ja alles besser.

Die gute Nachricht: Nach diesem Tag hat man, zumindest im realen Leben, die umsatzträchtigen Angriffe auf die private Geldbörse für das Erste überstanden. Nicht aber Online. Hier überstürzen sich die Angebote und man wird mit Versprechungen zu besonders lukrativen Deals, bis zumindest zum Weihnachtsfest, weiterhin überhäuft. Und nach wie vor bieten sich auch jedes Wochenende weitere Möglichkeiten zum Investment am Punschmarkt & privaten Feiern. Samt Nebenwirkungen wie brummender Schädel oder Alimente.
Und dann, wenn wir das alles überstanden haben, ist er endlich da. Der Weihnachtsabend. Der eigentliche Grund dieses ganzen körperlichen, geistigen und monetären Aufwands. Aber zuvor muss ja noch etwas erledigt werden. Das hätte ich jetzt fast vergessen. Der Weihnachtsbaum! Oder früher auch Christbaum genannt. Hierzu werden jährlich ganze Landstriche gerodet, um den einzelnen toten Pflanzen – alle Jahre wieder – den Einzug ins heimelige Wohnzimmer zu ermöglichen. Sind diese dann noch zurecht gestutzt und mit dementsprechendem Schmuckvariationen aller Art behangen, stehen sie zwecks Selbstbeweihräucherung und gemeinsamen Bestaunen bis zum Tag der heiligen drei Könige an einem prominenten Platz im Zimmer. Wahlweise mit LED-Ketten beleuchtet, zwecks Steigerung der Stromrechnung, oder mit echten Kerzen, um der Feuerwehr ihre Berechtigung zu geben.
Nachdem am 24. Dezember der obligatorische Kirchenbesuch erledigt und der alljährliche Weihnachtsstreit über die Qualität des Essens möglichst kreativ vonstatten gegangen ist, darf der brave Christ nun endlich zum angenehmen Teil übergehen: der Bescherung. Mit einem möglichst echt wirkenden „Frohe Weihnachten“ werden sowohl sympathischen, als auch unliebsamen Mitgliedern der Sippschaft wechselseitig Geschenke überreicht. Die echten Profis beherrschen das mit glänzenden, feuchten Augen. Und nun hat man sich lieb. Muss man! Hey, es ist Weihnachten! Wenigstens für ein paar Stunden. Oder Minuten. Ok, zumindest Augenblicke.
In erzkonservativen Kreisen werden nun auch Weihnachtslieder angestimmt. Oder wenigstens eines. Damit man dem ganzen Stress zumindest ein wenig Feierlichkeit verleiht. Wer den Text nicht kann, bewegt voller Enthusiasmus die Lippen so gut es geht mit. Auch diese Minuten ziehen vorüber. Und dann darf endlich richtig gefeiert werden. Wahlweise bei Spielabenden im Haus oder Wohnung. Mit Alkohol. Oder in einer Disco, die ja mittlerweile oft auch am 24. Dezember, später am Abend, aufsperren. Natürlich auch mit Alkohol. Schlussendlich schaut ja jeder, das er ein wenig „Spiegel“ für die nächsten Tage aufbaut. Denn da stehen die ganzen Verwandtschaftsbesuche an. Und mit ein wenig Restalkohol, lässt sich auch diese Zeit gut überstehen. Diese einfach zu boykottieren wäre keine Option. Würde man doch auf die ganzen Geschenke, aus dieser Richtung meist in Form von Bargeld, verzichten.
Aber am Ende ist dann, wie jedes Jahr, alles gut. Weihnachten geht vorbei und nahtlos in den Jahreswechsel über. Die Freude über die Geschenke währt nur kurz und weicht der Vorfreude auf die Knallerei am Jahresende. Und dem nächsten Besäufnis. Begleitet von guten Vorsätzen die zu 99% noch in der Silvesternacht gebrochen werden.
Und doch bleibt bei all diesen tristen Aussichten noch der Funken Hoffnung bestehen. Das kleine Licht, das in uns allen schlummert. In dessen hellem Schein wir nur eines wollen: Lieben und geliebt werden. Mehr braucht es nicht zu Weihnachten. Und eigentlich auch nicht an all den anderen Tagen im Jahr. Bloß scheinen wir das verlernt zu haben. Aber, auch hier gilt: Es ist nie zu spät. Kein Geschenk der Welt, kein Tropfen Alkohol, keine Heuchelei … kann ein ehrliches, echtes „ich hab dich lieb“ ersetzen. Das macht uns zu Menschen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein frohes Fest und eine liebevolle Zeit.
Und wer beschenkt jetzt den Weihnachtsmann?
Günther Schranz, 17. Dezember 2024


