Eine vielversprechende, aber eigenwillige Idee, möchte ich hier festhalten. Und obwohl ich kurz vor der Sinnkrise steckte, versuchte ich in der Vorbereitungszeit zur Lehrabschlussprüfung mein Beste zu geben.
Angefangen mit der Idee. Dazu inspirierte mich ein neues Interessensgebiet in meiner Freizeit. Einige Kreationen von Lampenschirmen habe ich in dieser Zeit gefertigt und habe mir eine Nähmaschine gekauft, damit ich schneller am Werkeln bin. Gerne nähte ich Vorhänge, kleine Dekos, sowie Anderes, wie Änderungen bei Kleidungsstücken. Man sieht, „Handarbeiten“ gefällt mir.
So saßen die beiden Kolleginnen mit mir in einem Raum und grübelten über unsere Werkstücke nach. Der einzige Mann in der Gruppe der Auszubildenden war meistens anderen Ortes beschäftigt. Wie die Praktika vorbei waren und die Pandemie im vollen Gange war, hatte ich in dieser Zeit zu Hause meine Entwürfe skizziert, die ich weiter bearbeitete. Dazwischen lernte ich Theorie und versuchte mir, alle Fenster und Türen sowie Stiegen einzuprägen. Und das ist mehr, wie mir lieb war.
Letztlich habe ich mich für eine höhere Kommode im Stollenbau entschieden. Genaue Maße wurden eruiert und überlegt, was für Material ich benötigte bzw. benutzen würde. An der Rückwand bezog ich einen versteckten Klapptisch mit ein. Hiermit würde ich die Nähmaschine darauf stellen, ohne Angst zu haben, dass das funktionelle und auserlesene Stück nicht ins Wanken brachte. Der Korpus wurde stabil und vor allem gewichtig geplant. Ebenso die Kippfunktion für Skizzen und Bilder, welche ich zu Hause dann noch machen würde, wurde berücksichtigt. Eine rundum Funktionskommode zum Werkeln eben.
Und schon war ich im Modus:
Hirnschmalz ist angesagt!
Scherz beiseite.
Es stand für mich außer Frage, welches Holz ich für dieses Prachtstück verbaute. Die Eiche ward des Stollenbaues würdig. Die Stollen, Zargen und Umleimer wurden daraus gefertigt. Die Tischlerplatte (25 mm stark) gab es für die Seitenwände, Rückwände, Regalboden, sowie untere und obere Korpusplatten, Türen und Tischplatte und die Ladenblende zugeteilt. Eine Sperrholzplatte für den Ladeboden war ebenso dabei. Da die einzelnen Teile dann furniert gehörten, entschied ich mich, für die Birkenfurnier. Die Lade selbst baute ich mit Birkenholz. Beide Hölzer – Eiche und Birke – sind meine Lieblingshölzer.
Die Eiche. Der herbe Duft eines alten und robusten Baumes, ist Tiefwurzler, somit standhaft, dennoch langsamwachsend, hart und schwer, aber dann wieder ertragreich. (Ich sehe gerne Dokumentationen und das ist mir hängengeblieben: Eicheln werden in manchen Regionen gesammelt, um erneut eingepflanzt zu werden. In Deutschland gibt es diese Tradition. Wiederum in anderen Gebieten Europas werden sie als Tierfutter für die Schweine hergenommen. Das finde ich deshalb wissenswert, da diese Tiere des Erdreichs schonenden Pflügens ihrer Nase ermächtig sind. Die Agroforstwirtschaft hat so einiges zu bieten, wenn wir Menschen es zuließen. Und zu guter letzt fällt mir dabei der Kaffee-Ersatz ein, welchen man in der Apotheke, vielleicht auch beim DM – ganz sicher bin ich mir aber hierbei nicht – kaufen. Ausprobiert habe ich ihn leider noch nicht. Laut Hörensagen soll er schonender sein. Eines Tages werde ich ihn sicher noch testen.
Eine Koryphäe in ihrem Dasein ist die Birke. Meiner Ansicht nach, unterschätzt. Für die Humusbildung hat sie einen wichtigen Stellenwert im Wald – wenn man sie in aller Ruhe liegen lässt, verrottet sie rasch, da ihre Rinde nicht „abgeschält“ wird. Vom biologischen Sinn dahinter kenne ich mich zu wenig aus. Doch mit dem das sie so schnell zersetzt wird, wird der Boden mit Nährstoffen angereichert, welche für die nächsten Bäume und Sträucher wichtig ist. Ihre feinporige Struktur und die eigenwillige Maserung mit ihren rotbraunen kleinen Linien und Sprenkeln, schimmert im Licht auf ihre Art, welche sie mich an einen samtartigen Wandteppich erinnert. Und dabei ist sie bei der „Aufbereitung“ ihres Holzes ein verlässlicher Partner in vielerlei Hinsicht. Siehe den Link: „Vorhangstangen, selbst gemacht“.
Kommen wir zurück zum Lehrabschlussstück. Kaum wurde dies geklärt, so wählte ich die passenden Beschläge aus. Hierbei fand ich die richtigen Artikel in einem alten Schachermayer-Katalog und im Internet mit der aktuellen richtigen Artikelnummer und -bezeichnung wieder. Dazu benötigte ich, zwei linke und zwei rechte Türbeschläge und auch das „Kreuzband“. Wartet … ne … „Kreuzmontageplatte!“ Dann noch eine rechte und linke Ladenschiene und dazugehörige Kupplungen. Die Lade würde in „Blumotion“ zugeschoben werden. Kein „Zuhauen“ manch einer! Dann gab es noch die vier Griffe, die ich bereits dazwischen in einem Baumarkt gekauft hatte.
Für den winkelverstellbaren Klapptisch hat mich das Internet überzeugt, diese dort zu bestellen. 90°/80°/70° Grad. Dabei waren diese beiden „Konsolen“ laut Produktbeschreibung genauso robust, wie die Eiche. Ein Paar – sprich zwei Stück – hatten die Traglast von 180 Kilogramm. Das Werkeln würde mir Freude bereiten.
Nach den unterschiedlichen Auswahlmöglichkeiten der Materialien kam der AutoCad-Kurs zusätzlich hinzu. Hierbei wurden unsere Zeichenkünste im Programm auf der Stelle mit einbezogen und gefordert. Dementsprechend ließen wir, die Pläne per Fachmann ausdrucken bzw. ausplotten.
Na Prima. Ausgezeichnet!
Die kleine Zynikerin in mir lässt grüssen.
Hier kamen einige Situationen gleichsam zusammen. Der Druck stieg. Auf keinen Fall würde ich mir die Blöße geben, um diese Prüfung zu versemmeln. Die familiäre Tragödie kam vermehrt zum Höhepunkt. Zu dieser Zeit wusste ich dahingegen nicht, was alles käme.
Shit Happens, Krone richten und weiter gehts!
So nahm ich an.
Dann bekam die nächste in der Gruppe einen Hysterischen, mit fast handgreiflichem Aussetzern, wie schon einmal erwähnt. Und die Dritte im Bunde war mit der Tochter und ihrem Mann dran. Der Druck stieg auf allen Seiten und ich empfand ihn, so tief in mir, dass ich mich am liebsten in den Wald verkrochen hätte, mit einigen Litern Trinkwasser bei mir und die „Nabelschau“ zu mir brächte. Nur sitzen und Nichtstun. Meditieren. Meine Energiereserven auffüllen. Die Batterien auftanken. Und was tat ich davon?
Nix. Nada. Niente.
In mich gekehrt gab ich vor, dass fast alles gut sei. Und dann ging es los. In der Mittagspause bei all dem Gerede, ironisch genug unter drei Birken, kam mir die Einsicht. Die Bäume werden gefällt, unsere Sauerstoffproduzenten!, damit wir Möbel fertigten. Der Schlag kam prompt und ohne Vorwarnung in die Magengrube. Der Kopf fing an zu schmerzen und mir wurde sowas von übel, dass ich am liebsten gekotzt hätte. (Nicht vergessen. Die Kehrseite der Medaille war Druckaufbau.) Der „Erziehung“ wegen habe ich mich zusammengerauft und habe den Anwesenden nicht vor die Füße gepatzt. Der Druck war immens heftig. Schlagartig rannen mir die Tränen über die Wangen. Die Erkenntnis darüber war so einschneidend und mir spielte die Psyche derart einen Streich, dass ich wusste, dass ich selbst, nicht in Form der Tischlerei arbeiten würde.
Scheiße! Und dann kam ein Gedanke nach dem anderen in mir hoch. Verdammt, warum habe ich nicht den Landschaftsgärtner gemacht? Und warum habe ich nicht beim ersten Gedanken an eine Büroarbeit sofort Bewerbungen geschrieben? Das ewige „Warum“.
„Warum ist die Erde krumm?“, würde einer von meinen Anverwandten sagen.
… Wuascht! … Ich komme soeben von einem ins Tausendfachste.
Ab diesem Zeitpunkt war ich innerlich leer und voll, gleichzeitig. Alles egal. Mein Leben funktionierte nicht so, wie ich es gerne hätte, somit machte ich das, was zu jener Zeit notwendig war. Das ich ein Werkstück zu fertigen hatte und die Theorie lernte und die Familie unter einen Hut irgendwie brachte. Und dann werde ich weitersehen. Aber der Druck stieg weiter an.
Da ich es durchzog – den Lehrabschluss – habe ich es mir nicht nehmen lassen, um ein Furnierbild auf der Deckplatte zu erstellen. Dieses Bild mit allem Drumherum, benötigte meiner eine dreieinhalb Tage. Dazu habe ich einen alten Tisch im Keller, als Werkbank zum Zuschneiden des Furnieres hergerichtet. Günther war so gütig und hat mir das Licht so montiert, dass ich eine hilfreichere Sicht darauf hatte. Und dann schnitt, schnitzte und feilte ich einen achteckigen Stern so in die Birkenfurnier, welches zum Kontrast her passte. Dieses Mal aus einer Nussfurnier. Zu einem Hingucker würde ich das geometrische Symbol, bestehend aus zwei Quadraten, machen.
Wann immer ich so darüber nachdenke, fand ich trotz allem, dass die Zeit im BFI und des Lernens eines Handwerkes mir auf unergründlicher Art, Freude bereitete. Und da ich etwas von der Energie zurückbekam, nahm ich das vorhandene Loch, in mir, in welches ich seit Jahren fiel, nicht wahr. Ich kaschierte es. Die Geschichte wird unter der Kategorie Life 2.0 später weitererzählt.
So vieles wurde weiter er- und bearbeitet, bevor der Termin der Lehrabschlussprüfung heranrückte. Die genauen Materiallisten wurden detailliert notiert und zusammengerechnet. Ein gewisser Prozentsatz des Verschnittes wurde einkalkuliert. So das Zuschneiden der Tischlerplatte wurde genauestens eingeplant, damit so wenig an Abfall wie möglich übrig blieb. Sogar die Schrauben, Dübel & Lack usw. wurde berechnet. Die Arbeitszeit allein für das Furnierbild war heftig.
Der Sanktus über die Materialliste wurde beim Leiter, des damals hiesigen BFI´s, eingebracht, die Bestellung aufgegeben und innerhalb einer Woche kam die Lieferung. Und das war der Startschuss.
Das richtige Sägeblatt wurde von uns montiert, bevor es dann endlich losging. Ein wenig Spundes hatte ich schon. Man bedenke, wenn die Produktion lahm liegt und nicht genug Material dagewesen wäre. Oder hätten wir angehenden TischlerInnen sich verschnitten. Dann steht man da und konnte nicht weiterarbeiten. „Man stand im Stau.“ Innerlich. Der Stresspegel stieg weiter. Zum Glück ist derart Ernstliches nicht geschehen. Nur keine Blöße zeigen, das wäre ja „blamabel“.
Der Lauf der Begebenheiten passierte unseren Weg. Das hört sich wieder bämisch an. „Wuascht!“ Nochmal: Bei der Fertigung ging jeder seines Weges. – Das ist angebrachter. – Zumindest halfen wir uns wenigstens da, das ist unter Kollegen ja so üblich und jede/r hatte ja etwas davon. Meistens halt.
Im Nachhinein betrachtet, war die Zeit mehr als ambivalent und in vielerlei Hinsicht in einander verstrickt. Eines habe ich verstanden. Wenn man über die hiesigen Institutionen eine Ausbildung macht, sind das, von mir aus, Kollegen, aber sicher keine Freunde. Freundschaft ist etwas anders. Schade. Hierbei filterte ich mir dies aus meinem Gedankenpalast heraus: Die meisten von uns, waren eine zusammengewürfelte Menschengruppe, welche auf den eigenen Vorteil – wie immer der für jeden ausgesehen hat – aus waren, um irgendetwas zu erreichen. Vieles sehe ich im Rückblick anders.
Allen offenkundigen und ernstlichen Lesern wünsche ich von ganzen Herzen einen heiteren Tag. Freut euch des Lebens mit Wenn und Aber. Es gibt dabei nichts anderes, als die immerwährende Kehrseiten der Medaille, die es zu bewältigen gilt.
Manuela Riegler, 18. Februar 2025


